Amor & Eros

Amor & Eros Eine leicht hingeworfene Zeichnung Albrecht Dürers zeigt die nackte Venus auf einem Delphin reitend, die den Betrachter keck anblickt. Wo Venus erscheint, ist Amor nicht fern. Ihr Sohn schwebt über ihr, blind, aber den Bogen bereits gespannt.
Die Kombination der Liebesgöttin Venus mit Amor als Verkörperung der Allmacht der Liebe gehört schon seit der Antike zu den beliebtesten Motiven in der Literatur und Kunst, obwohl die beiden Gottheiten von ihrem Ursprung her nichts miteinander zu tun hatten. So schildert die antike Mythologie Eros oder Amor nicht als den Sohn der Venus, sondern als ihren Begleiter nach ihrer Geburt, er erscheint als präexistente alte kosmologische Kraft. Doch bald setzt sich Venus als liebende und leicht überforderte Mutter des Amor durch. Im späten 15. und 16. Jahrhundert wandelt sich Amor von einer eigenständigen Gottheit immer mehr zu einem bloßen Attribut der Venus.
Nach seiner ersten Italienreise beginnt Dürer sich vermehrt mit den modernen mythologischen Stoffen auseinander zu setzen. Unter diesem Vorwand war es möglich, den nackten weiblichen Körper darzustellen, jedoch anders als in Italien, wo Venus zum Inbild des Schönen und Begehrenswerten aufgebaut wurde, war sie im Norden noch weitgehend negativ besetzt. Dürers nach wie vor schwer zu interpretierende Kupferstiche der 90er Jahre des 15. Jahrhunderts mit nahezu klassischen Frauenakten haben auch immer einen moralisierenden Unterton. Weitere Stiche und Zeichnungen Dürers erzählen von der blinden Liebe, die in Gewalt umschlägt, oder der Entscheidung zwischen Tugend und Laster, die durch eine schöne nackte Frau verkörpert wird. Auch Dürers Liebesbeziehungen sind immer noch Thema der Forschung. Seine Werke wie das zeichnerische Porträt seines Freundes Willibald Pirckheimer, mit einer pikanten erotischen Inschrift versehen, geben immer wieder Anlass zu Spekulationen.
Eros ist aber nicht nur das Symbol der begehrenden Liebe, sondern seit Platon auch die Personifikation des menschlichen Strebens nach dem Schönen. Dürer beschäftigt sich seit den 1490er Jahren immer wieder mit dem ideal-schönen menschlichen Körper und dessen Konstruktion. Seine ersten Ergebnisse fließen in den Kupferstich von Adam und Eva von 1504 ein. In der Darstellung des ersten Menschenpaares noch vor dem Sündenfall, präsentiert Dürer wohl zum ersten Mal nördlich der Alpen Nacktheit nicht als Makel, sondern als Bedingung eines neuen positiven Schönheitsideals und als Ergebnis der schöpferischen Vernunft des Künstlers.

Peggy Große